Wie alles begann

Albanien. Es ist der 1. Dezember 1976, als Ismail Keta als ältestes von fünf Geschwistern geboren wird. Seine Eltern führen ein einfaches Leben: Der Vater arbeitet im Bergbau, die Mutter in der Landwirtschaft. Die Familie hat nur wenig, und die wirtschaftliche Not verschärft sich in den folgenden Jahren zunehmend.

Albanien gehört zu dieser Zeit zu den abgeschottetsten Ländern Europas. Unter der kommunistischen Diktatur ist das Land weitgehend von der Außenwelt isoliert, und viele Familien leben in großer Armut.

Schon als kleiner Junge erlebt Ismail, was Entbehrung bedeutet. Mit gerade einmal fünf Jahren läuft er kilometerweit durch den Schnee zur Schule. Der Unterricht findet in einem ungeheizten Raum statt. Oft sitzt er dort mit nassen Füßen und leerem Magen.

Diese Erfahrungen prägen ihn – und seinen Blick auf das Leben.

Die Jahre vergehen. Als ältester von fünf Geschwistern übernimmt Ismail schon früh Verantwortung, kümmert sich um seine jüngeren Geschwister und unterstützt seine Eltern bei der schweren körperlichen Arbeit. Gleichzeitig hält er an seinem Traum von einem besseren Leben fest.

Mit dem Ende der kommunistischen Diktatur Anfang der 1990er-Jahre verändert sich Albanien grundlegend und öffnet sich zunehmend der Außenwelt. Für Ismail eröffnet sich damit eine Welt, die ihm bis dahin weitgehend unbekannt war.

Zum ersten Mal sieht er westliche Filme. Besonders „Rocky“, „Rambo“ und die Kampfsportfilme mit Jean-Claude Van Damme faszinieren den jungen, schon damals kampfsportbegeisterten Ismail. Die Geschichten von Menschen, die kämpfen, niemals aufgeben und für andere einstehen, hinterlassen bei ihm einen bleibenden Eindruck.

Von Albanien nach Deutschland

1995 wagt er schließlich im Alter von 19 Jahren den Schritt nach Deutschland. Er hofft auf ein besseres Leben – und auf die Chance, seinen Traum von einer Karriere als Profisportler zu verwirklichen. Er intensiviert sein Training und verfolgt seine sportlichen Ziele mit großer Entschlossenheit. Aus seiner Leidenschaft entwickelt sich durch jahrelanges hartes Training, Disziplin und unermüdlichen Einsatz eine außergewöhnliche sportliche Karriere. Ismail kämpft sich Schritt für Schritt an die internationale Spitze und gewinnt zahlreiche nationale und internationale Titel.

Aus Ismail Keta wird für viele schließlich Jonny „The Bull“ Keta.

Zu seinen größten sportlichen Erfolgen zählen:

  • 1999 bayrischer Meister im Thaiboxen
  • 2000 deutscher Meister im Kickboxen
  • 2001 siegreicher Kampf gegen den amtierenden Weltmeister im Free-Fight
  • 2001 Vize-Weltmeister im Thaiboxen
  • 2002 Start der Profikarriere
  • 2003 K-1 Kämpfer im Super-Schwergewicht
  • 2011 ISKA Kickbox Weltmeister
  • 2012 ISKA Kickbox Weltmeister

Der Kampfsport verändert Jonnys Leben. Er ermöglicht ihm vieles von dem, wovon der junge Ismail in Albanien einst nur träumen konnte. Doch trotz all seiner Erfolge vergisst Jonny nie, woher er kommt.

Er weiß aus eigener Erfahrung, was Entbehrung bedeutet und wie es sich anfühlt, den eigenen Lebensumständen ausgeliefert zu sein. Deshalb nutzt er seine Bekanntheit und seine Möglichkeiten schon früh immer wieder, um Menschen in schwierigen Lebenssituationen ganz konkret zu helfen.

Eine Begegnung, die vieles verändert

2013 begegnet ihm ein Schicksal, das ihn besonders berührt. Jonny lernt die damals 16-jährige Ambra Meda aus Albanien kennen. Das junge Mädchen leidet an einem äußerst seltenen und aggressiven Nierentumor und benötigt dringend eine Operation sowie eine Chemotherapie.

Die Behandlung ist aufwendig und teuer – und die Prognose erschütternd. Ein Arzt am Klinikum rechts der Isar erklärt Jonny, dass die Überlebenschancen äußerst gering seien.

Doch trotz dieser nahezu aussichtslosen Prognose beschließt Jonny, Ambra zu helfen und alles zu tun, was in seinen Möglichkeiten steht. Er setzt sich dafür ein, sie nach Deutschland zu holen und ihr hier die notwendige medizinische Behandlung zu ermöglichen.

Zu diesem Zeitpunkt steht Jonny selbst an einem Wendepunkt. Nach einer Knieoperation braucht sein Körper eigentlich Zeit, um sich zu erholen, und zeitweise denkt er sogar darüber nach, seine aktive Karriere zu beenden.

Doch für Ambra entscheidet er sich anders. Um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen und finanzielle Unterstützung für ihre Behandlung zu mobilisieren, will Jonny noch einmal in den Ring steigen. Trotz der gerade erst überstandenen Knieoperation beginnt er wieder zu trainieren und bereitet sich auf einen weiteren großen Kampf vor.

Am 7. Dezember 2013 steht Jonny schließlich in der Stuttgarter Porsche-Arena dem erfahrenen Thailänder Ruan Way Sor Jitphakdee gegenüber. Es geht um den vakanten IKBF-Weltmeistertitel. Jonny gewinnt den Kampf – und damit seinen dritten Weltmeistertitel.

Doch an diesem Abend geht es Jonny nicht um den Titel. Es geht um Ambra. Der Kampf verschafft ihrem Schicksal weitere Aufmerksamkeit und trägt dazu bei, die notwendigen finanziellen Mittel für ihre Behandlung aufzubringen.

Es folgen Monate der Behandlung, des Hoffens und Bangens. Doch im Laufe dieser Zeit nimmt Ambras Geschichte eine Entwicklung, die angesichts der nahezu aussichtslosen Prognose kaum jemand für möglich gehalten hätte: Sie überlebt ihre Erkrankung – und wird schließlich geheilt.

Was Jonny mit Ambra erlebt, prägt ihn nachhaltig. Er sieht, was Hilfe für einen einzelnen Menschen wirklich bedeuten kann: Hoffnung, Zukunft – und manchmal sogar ein gerettetes Leben.

Sein Engagement wächst weiter. Jonny nutzt seine Bekanntheit und sein Netzwerk nun verstärkt, um weitere Hilfsprojekte auf den Weg zu bringen. Dabei verbindet er zwei Dinge, die für ihn längst zusammengehören: den Sport und sein soziales Engagement.

Nur ein Jahr später organisiert er gemeinsam mit seinen mittlerweile ebenfalls im Kampfsport erfolgreichen Brüdern Mike, Ferit und Ajet Keta in seiner Heimatstadt Bulqiza eines der größten Box-Events Albaniens. Die Veranstaltung wird ein voller Erfolg: Nach Abzug aller Kosten, die die vier Brüder selbst tragen, kommen 45.000 Euro für sportliche Einrichtungen für Kinder in Albanien zusammen.

Doch dabei bleibt es nicht. 2018 ermöglichen die Keta-Brüder gemeinsam mit der amerikanischen Hilfsorganisation Project C.U.R.E. eine weitere außergewöhnliche Hilfsaktion: Das Krankenhaus in Kavaja erhält medizinische Geräte im Wert von rund 400.000 Euro.

Aus Engagement wird KETA 4 Kids

Der Traum des jungen Ismail, für andere da zu sein, hat sich erfüllt – doch er ist noch lange nicht ausgeträumt.

Jonny Ismail Keta kämpft heute nicht mehr allein. Am 21. Oktober 2018 finden sich Freunde und Mitstreiter:innen zusammen, um ihre Kräfte zu bündeln und dem bisherigen Engagement einen festen und dauerhaften Rahmen zu geben. An diesem Tag wird KETA 4 Kids e. V. ins Leben gerufen.

Seitdem ist die Zahl der Menschen, die KETA 4 Kids unterstützen und begleiten, stetig gewachsen. Gemeinsam konnten wir bereits zahlreiche Projekte verwirklichen und damit die Lebensbedingungen und Zukunftschancen vieler Kinder und Jugendlicher nachhaltig verbessern.

Doch die Reise hat gerade erst begonnen. Auch in Zukunft möchten wir dort unterstützen, wo Hilfe wirklich gebraucht wird – gemeinsam mit den Menschen und Gemeinschaften vor Ort. Unser Schwerpunkt liegt dabei auf Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, besseren grundlegenden Lebensbedingungen sowie dem Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen.

„Den Schwächeren helfen und ein Vorbild sein“ – ganz so, wie es der kleine Junge Ismail aus Albanien immer wollte.

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